Tobi Müller: Wachstum oder Wandel?

 

Manche Debatten gehen nicht vorbei, wenn man sie nur lange genug aussitzt. So lange die Kernfrage nicht gelöst ist, wirkt es wohlfeil, an ihre überschrittene Haltbarkeit zu erinnern. So eine Debatte wie: Das Verhältnis von Freier Szene zum Stadt- und Staatstheater und die mangelnde Diversität von Modellen und auch von Mitarbeitern. Die einen gähnen oder sind genervt, dass man sie überhaupt noch führt; die andern schweigen aus Höflichkeit. Oder aus Angst, Chancen zu verbauen.

Doch das Problem gibt keine Ruhe. Der Theaterstreit über die Nachfolge von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne und über die Ernennung des Museumsmannes Chris Dercon handelt im Kern von dieser Debatte um neue Modelle. Dercon wäre der erste Theatermann seit bald 50 Jahren, der an einem vollfinanzierten deutschen Stadttheater die Struktur verändern könnte. Während es Peter Stein und Co. an der Berliner Schaubühne ab 1970 Berlin um mehr Mitbestimmung, flacherere Hierarchien, historisches Bewusstsein und damit auch um Gegenwartssinn ging, geht es heute – hoffentlich – um eine andere Produktionsweise, die stärker nach den Bedürfnissen vieler transdisziplinärer und oft internationaler Künstler fragt und etwas weniger nach jenen des Apparats, wie er sich in der unvergleichlich reichen Theaterlandschaft Deutschlands in den letzten 150 Jahren verfestigt hat.

Die Geister der Debatte

Die Geister dieser Debatte sind älter als der Fall Castorf vs. Dercon und gehen weit über eine Personalie hinaus. Sie haben sich auch an der Jahrestagung des Fonds Doppelpass 2016 in Berlin gezeigt. Die Freie Szene sei längst im Apparat angekommen, die Zeit der vernagelten Türen vorbei. Man selbst habe schließlich in der Freien Szene angefangen, klingt es mittlerweile auch aus großen Häusern. So geschehen in der ersten Diskussionsrunde beim Jahrestreffen. Nach den Eröffnungsvorträgen von Anne-Catherin De Perrot über die Evaluation des Fonds und die in seinen eigenen Worten „polemische“ Rede von Philipp Schulte, die ich persönlich in vielen Punkten eher ausgleichend fand, drohte bereits die Standardsituation: Wir sind alle total offen, es gibt keine Unterschiede mehr, hört mal bitte auf mit den ollen Kamellen. Es sind fast immer die Vertreter der Stadttheater, die so reagieren.

Der Fonds Doppelpass ist keine Sonntagsidee der Kulturstiftung des Bundes, weil sie nicht weiß wohin mit dem Geld. Ohne eine Diagnose des Stillstands der Stadttheater gäbe es diese konkreten Förderinstrumente nicht. Sowohl die Vorgänger-Fonds Heimspiel und Wanderlust wollten Bewegungen auslösen, deren Ausbleiben man offenbar als Mangel empfunden hat  – anders kann ich mir Initiativen dieses Ausmaßes nicht erklären. Bei Heimspiel war es eine Bewegung hin zur Stadtgesellschaft, bei Wanderlust eine hin zu internationalen Kooperationen. Immer handelte es sich um Versuche, die Institution zu dynamisieren.

Jetzt leuchten bestimmt die Alarmlampen, weil dynamisieren für die Berufsgruppe der kritischen Dramaturgen neoliberal klingt. Aber ist Dynamisierung nicht zentral für die, pardon: Job Description eines Dramaturgen oder einer Dramaturgin? Wir alle wissen, dass die meisten Theater im Schnitt doppelt so viele Veranstaltungen anbieten wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Und da wir schon bei der Volksbühne waren: In der Spielzeit 2013/2014 kamen satte 180.000 Zuschauer ins Haus, aber nur 66.000 davon ins Sprechtheater – die restlichen Abende sind für die Selbstwahrnehmung wohl eher Nebenprogramm, für die Statistik aber die Hauptsache. Kurz: Die Stadttheater haben die Eventkultur schon lange entdeckt, und wenn das auch heißt, unterschiedliche Schichten mit dem vielen öffentlichen Geld anzusprechen, kann das nicht nur verkehrt sein.

Doch der Wandel, der im Verb dynamisieren steckt, betrifft die Kunst im Kern, auch wenn die in manchen Häusern weniger als die Hälfte ausmacht. Und da bestätigte auch das Jahrestreffen im Ballhaus Ost, dass der Fonds Doppelpass zwar durchaus Prozesse anstößt. Doch diese Veränderungen entsprechen nicht immer Wandel, sondern oft bloß Wachstum. Noch eine Spielplanposition mehr, vielleicht sogar eine Spielstätte oder eine Sparte mehr. Es geht um eine Verbreiterung des Angebots, nicht um eine Verdichtung und ästhetische Veränderung des Kernprofils. Allerdings kann sich der Wille zum Wandel auch erst dann zeigen, wenn die Doppelpass-Projekte von den Theatern, Künstlern und Gruppen auch dann in anderer Form weitergeführt werden, wenn die Förderung des Fonds ausgelaufen ist. Wenn die Veränderung aus dem Etat der Häuser finanziert wird, und nicht mit Drittmitteln. Wandel statt Wachstum: Ob das die Institutionen von alleine leisten wollen, ist noch nicht abzusehen. Das bisschen Ästhetik aus dem Freien Theater, das bisschen Know How und oft: die viele Recherche, die man mit solchen Kooperationen ins Haus holt, sind schön. Aber oft Kosmetik. Das Modell dahinter bleibt das alte.

Zwischenstände und Zukunftsblüten

Bei einem der drei Tischgespräche beim Jahrestreffen, wovon ich eines moderieren durfte, zeigten sich dennoch unterschiedliche Zwischenstadien und Zukunftsblüten. Das liegt daran, dass Doppelpass nicht nur die klassische Kooperation zwischen Stadttheater und Gruppe oder Einzelkünstlerin fördert, sondern von Anfang an verschiedene Player in Beziehung setzt. Wie zum Beispiel Kampnagel Hamburg, ein Produktionshaus und kein Stadttheater, mit der freien Gruppe Skart. Beide zusammen haben einen dritten Partner ins Boot geholt, zwei Reformschulen, mit denen sie gearbeitet haben. Kampnagel weiß, wie man Kooperationen aufgleist, es ist ihr Kerngeschäft. Und die Zusammenarbeit läuft nach Doppelpass weiter, als wäre eine kleine Sparte dazugekommen. Auch das Gorki in Berlin, ein klassisches, wenn auch unter Shermin Langhoff und Jens Hillje inhaltlich klar ausgerichtetes Stadttheater, hat mit dem Studio Я am Modell geschraubt, statt nur eine andere Regiefarbe zu verpflichten und etwas Freie Szene auf die Bühne zu holen. Die ehemalige Studiobühne hat sich zu einem eigenen kleinen Produktionshaus entwickelt, mittlerweile kommen die Mittel dazu von andern Geldgebern als der Kulturstiftung. Allerdings: Es bleibt primär Wachstum, auch nachdem die Stadt dem Gorki die überfällige Erhöhung der Subvention gewährt hat.

Am nächsten am Doppelpass-Gedanken war das Beispiel aus der sogenannten Provinz. In unserem Tischgespräch mit dem für viele abschreckenden Titel „Start Up“  – als wäre etwas Gründungsehrgeiz bereits neoliberal? –  hörte sich die Kooperation zwischen dem Theater Vorpommern und dem freien Theater Handgemenge nach einem Eingriff in die Struktur des Hauses an, die als Bereicherung erfahren wurde. Und zwar nur schon deswegen, weil andere Produktionsabläufe eines freien Theatermachers das feste Haus zu weniger Verplanung anhält und dafür sorgt, im Haus selbst zusätzliche Kräfte freizusetzen. So war es nicht leicht für die kleine Mehrsparten-Institution, nicht nur Schauspieler, sondern auch einen Sänger und einen Tänzer für die gemeinsame Arbeit aus der Disposition loszueisen.  Hier wurde gefragt: Was braucht die Kunst? Und nicht: was braucht das Haus?

Ich bin mir ziemlich sicher: So lange man es nicht schafft, ein paar wenige der mittleren bis großen Stadttheater zu einer Art Produktionshaus umzuwandeln, wird diese Debatte nicht aufhören. Vielleicht muss aber auch die Freie Szene umdenken und das tun, was manche schon probieren: das Stadttheater nur noch als eine von vielen Möglichkeiten der Kooperation zu begreifen. Womöglich bringt der starre Blick auf dieses Verhältnis uns nicht weiter, so lange die Fleischtöpfe so ungleich verteilt sind. Man könnte versuchen, mit Museen, Galerien, mit Universitäten zusammenzuarbeiten. Oder auch, wie mir Florian Malzacher, Leiter des Festivals Impulse, kürzlich ins Mikrofon gesagt hat: „mit Orchestern und Chemieinstituten.“ Letztere hätten zum Beispiel das Know How, die Lage für die Wirkungsdauer einer Pille deutlich zu entspannen.

 

TOBI MÜLLER ist Journalist und Moderator. Er schreibt über Pop- und Theaterthemen, leitet Gesprächsrunden und entwickelt Theaterstücke. Seit 2016 ist er Mitglied der Berliner City-Tax-Jury.

Mehr zur Entwicklung der Stadttheater von Tobi Müller in seinem aktuellen Radioessay „Die Neue Stadt und ihr altes Theater“ (Ursendung 13.9.2016, Bayern 2).

Foto: Theater Vorpommern, von KS, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4054624

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