JULIAN KAMPHAUSEN: RICHTIG AUF TOUREN

Foto: Sebastian Brünger

 

Gastspielorientiertes Produzieren und erfolgreiches Touring

Im Rahmen des „Doppelpass“-Jahrestreffens 2016 im Ballhaus Ost Berlin konnten sich Künstler/innen, Vertreter/innen von Spielstätten und Kulturproduzierende zum Thema Gastspiele austauschen, um Strategien und Erfahrungen abzugleichen und gemeinsam zu schärfen. So wurden Voraussetzungen und Handlungsempfehlungen für erfolgreiche Gastspiele benannt. Auch unabhängig vom „Fonds Doppelpass“ sind viele der Überlegungen übertragbar auf andere Gastspiel- und Touring-Zusammenhänge.

 

Herausforderung: Gastspieldisposition

Da in den meisten im Rahmen des Fonds entstandenen Produktionen Darsteller/innen mitwirken, die auch in den Repertoirebetrieb einer Spielstätte eingebunden sind (der weit im Vorfeld disponiert wird), kommt es häufig zu Terminkonflikten mit den möglichen Zeitfenstern eines Gastspiels. Oft müssen Positionen der Ensemblemitglieder mit freien Darsteller/innen umbesetzt werden, um das Gastspiel zu ermöglichen.

An Produktionshäusern ohne Ensemblebetrieb stellen einerseits langfristige eigene  Gastspielverpflichtungen manchmal Planungshindernisse dar, andererseits sind andere Zeitfenster wiederum wegen noch abzuwartender Förderentscheidungen reserviert.

Einige der Künstler/innen beobachteten, dass der Produktionsprozess der zweiten  „Doppelpass“-Produktion oft unter zusätzlichen Terminkompromissen litt, die eingegangen werden mussten, um die Gastspiele zu ermöglichen. Aus der Gesprächsrunde kam die konkrete Empfehlung an die produzierenden Akteur/innen, die Gastspiele möglichst frühzeitig zu akquirieren und zu planen.

 

Gastspielorientierte Konzeption vs. ortsspezifische Entwicklung

Deutlich wurde, dass viele Produktionen auf Grund einer thematischen Fokussierung auf den Ort der Produktion nicht gastspielfähig sind. Andere Produktionen sind so konkret für einen Ort – site specific – entwickelt, dass eine Tourmöglichkeit ausgeschlossen ist. Die frühzeitige Festlegung auf eine tourfähige Produktion wurde jedoch von manchen Akteur/innen als einschränkend für die Produktionsphase beschrieben:  Bestimmte Entwicklungen in der Probenphase setzten die Einbeziehung lokaler Besonderheiten voraus, denen dann nicht nachgegangen werden könne.

 

Herausforderung: Gastspielakquise

Bei frühzeitiger Planung muss oft eine noch nicht existierende Produktion verkauft werden, was hohes Vertrauen und Risikobereitschaft bei der Gastspielstätte voraussetzt.

Kurzfristige Vertriebsversuche scheitern oft an der geringen terminlichen Flexibilität der möglichen Gastspielstätten. Dazu kommt, dass in Frage kommende Staats- und Stadttheater nur selten ausreichende Gastpielbudgets eingeplant haben bzw. diese langfristig verplant sind.

 

Wie kann eine freie Gruppe effizient eine Tour erarbeiten?

Gastspiele lassen sich häufig über bereits bestehende Netzwerke akquirieren. Bei sogenannter Kaltakquise empfiehlt es sich, ein umfangreiches Dossier zusammenzustellen, das die fragliche Produktion sowohl künstlerisch, als auch technisch detailliert und nachvollziehbar beschreibt. Eine Foto- und Videodokumentation kann hier helfen. Der technische Umfang muss übersichtlich und möglichst auch anpassbar formuliert sein. Wenn kein Kostenplan angefügt werden kann, muss der Umfang so geschildert sein, dass die angefragte Spielstätte die zu erwartenden Kosten schätzen kann. Ein persönliches Anschreiben der künstlerischen Leitung der produzierenden Spielstätte und weitere persönliche Empfehlungsschreiben sollten das Dossier ergänzen.

 

Wie könnte die Kulturstiftung des Bundes Gastspielbestrebungen weiter unterstützen?

Hinsichtlich  der Gastspielakquise wurde vorgeschlagen, die gastspielfähigen Produktionen, die im Rahmen einer „Doppelpass“-Förderung entstanden sind, auf einer eigenständigen Internetseite  zu präsentieren, die nicht nur die künstlerischen Aspekte der Produktion vermittelt, sondern auch den technischen und budgetären Umfang greifbar macht. Das kann eine individuelle Gastspielakquise optimal flankieren.

Die Kulturstiftung des Bundes könnte den im Fonds „Doppelpass“ geförderten Spielstätten empfehlen, andere, passende „Doppelpass“-Produktionen zu Gastspielen einzuladen, um so ein zusätzliches Netzwerk aus möglichen Gastspielorten zu fördern.

 

Wie können Spielstätten und Produktionshäuser eigene und andere Produktionen unterstützen und insgesamt eine höhere Gastspielfrequenz erreichen?

In den Budgets vieler Spielstätten und Produktionshäuser sind oft nur sehr beschränkte Mittel für das Einladen von Gastspielen vorgesehen. Durch sehr langfristige und präzise Planung könnten hier exakte Überkreuzungen von Gastspielen zwischen zwei Häusern erreicht werden. Das wäre budgeteffizient und würde (je nach Größe des Hauses) die Disposition der repertoiregebundenen Ensemblemitglieder erleichtern.

 

Wege in die Provinz

Als allgemein schwierig wurde der Vertrieb in die mit Theater unterversorgte sogenannte Provinz beschrieben, aber der Wunsch, in solchen Regionen zu spielen besteht. Als Ansprechpartner wurden  Kulturvereine genannt, die oft in der Gastspielakquise übersehen werden, sowie regionale Multiplikator/innen und Vermittler/innen, die als “Provinzpaten” die Türen zu Kommunen aufschließen können.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die ergänzende Gastspielförderung im „Fonds Doppelpass“ eine willkommene Erweiterung  für die Projekte darstellt. Effizienz und Reichweite der Projekte könnten aber durchaus noch erhöht werden, um die Gastspielproduktion „richtig auf Touren“ zu bringen.

JULIAN KAMPHAUSEN, arbeitet seit 1994 in den darstellenden Künsten. Neben eigenen Kunstprojekten arbeitet er als Showregisseur und konzipiert bzw. kuratiert Kongresse, unter anderem seit 2013 den jährlichen Branchentreff der freien darstellenden Künste für das Performing Arts Programm Berlin.

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