Reibungen und Verbindungen - Auf Recherchereise im Libanon

Tamáss: Unter diesem Motto steht das große Hörtheater-Projekt im Juni 2017 in Großen Haus. Um die Grenzen zwischen europäischer und arabischer Musik noch tiefer auszuloten, reist unsere Operndramaturgie gemeinsam mit Musikern des Ensembles LebiDerya für eine Woche in den Libanon.Unterschiedliche Musikstile und Musizierhaltungen werden in dem Projekt konfrontiert. Mittwoch Abend trafen wir nach einem kurzen Probenbesuch bei Mustafa Said - den wir später noch in seinem Archiv besuchen werden - Abdel Karim Shaar und seine Tochter Ranine. Beide sind berühmte Sänger, die in unterschiedlichen Gesangsstilen zu Hause sind. Nach einem langen Gespräch wurde Musik gemacht: Perkussionist Joss Turnbull und Trompeter Johannes Stange vom Ensemble LebiDerya, Opernsänger Ziad Nehme und Abdel Karim Shaar und Ranine Chaar brachten ihre musikalischen Heimaten zusammen.Der dritte Tag war eher ruhig. Bis spät in die Nacht hinein haben wir gemeinsam mit Abdel Karim und Ranine Shaar Musik gemacht. Aber zur morgendlichen Terminabsprache waren alle wieder fit. Am Abend haben wir uns mit dem Oud-Spieler Samir Nasr Eddine getroffen und danach hat Choreograf Ali Charour von seiner Arbeit berichtet. Heute geht es nach Tripoli. Wir machen aber Zwischenstopps im alten Hafenstädtchen Byblos und fahren durch das Qadisha-Tal zu den wenigen erhaltenen Zedern - dem Nationalsymbol schlechthin. 

Freitag ging es einmal quer durch's Land. Erstmal gab es aber traditionell Manushe mit Käse und der Gewürzmischung Za'atar zum Frühstück. In den Bergen dann wird - ebenso wie in Beirut - spürbar, dass Tamáss ein Begriff ist, der das Lebensgefühl des Landes beschreibt: Reichtum neben Armut, Hochhaus neben Ruine, Christen neben Muslimen. Das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Denkweisen, Meinungen und Ansichten ist Teil des täglichen Miteinanders... Und verläuft auch nicht immer reibungslos. Das Qadisha-Tal ist Heimat der maronitischen Christen, überall sieht man kleine Klöster und Heiligenfiguren. Aber auch Khalil Gibran - der libanesische Nationaldichter - ist hier geboren. Wir besuchten seinen Geburtsort Bcharre und fahren danach zum Zedern-Reservat, in dem noch einige der letzten bis zu 2000 Jahre alten Bäume wachsen. Am Abend haben wir unsere Unterkunft in Tripoli bezogen. Morgen wird es auch wieder musikalischer, wenn wir die alte Kreuzfahrerstadt mit ihren Souks erkunden, selbst Musik machen und ein Konzert von Ranine Shaar besuchen.

 Am Samstag haben wir Tripoli erkundet. Zunächst waren wir auf der leerstehenden Messe unterwegs. Zwischen 1968 und 1974 wurde dieses Gelände nach Plänen des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer angelegt. Der Beginn des Bürgerkrieges verhinderte, dass die zahlreichen Bauten fertiggestellt wurden. Das ca. einen Quadratkilometer umfassende Areal ist eine surreale Oase: Halbfertige Betonstrukturen, weite Parkanlagen und verlassene Gebäude kreieren ein ganz eigene Atmosphäre. Neben einem Open-Air-Theater gibt es auch ein experimentelles Theater in einem halbkugelförmigen Gebäude, das nie vervollständigt wurde. Den eindrucksvollen Raum mit seiner extrem langen Nachhallzeit haben Johannes Stange, Joss Turnbull und Ziad Nehme mit Klängen gefüllt. Danach Kontrastprogramm: Die Altstadt von Tripoli mit ihren orientalischen, verwinkelten Souks - kleine Märkte auf denen alles angeboten wird, was man so braucht… oder auch nicht. Tripoli entspricht hier - im Gegensatz zu Beirut - vielmehr dem Klischee einer „arabischen" Stadt. Doch auch die politischen Spannungen im Land sind immer wieder im Stadtbild spürbar: Plakate unterstützen den einen Politiker, eine Autokorso demonstriert für einen anderen. Am Abend besuchen wir ein Open-Air-Konzert an der tripolitanischen tamáss-Linie: Hier sind in den letzten Jahren immer wieder Sunniten und Schiiten aufeinander gestoßen. Das Konzert setzt ein Zeichen für Frieden und Versöhnung: Die jungen Libanesen wollen sich nicht mehr vereinnahmen lassen, sondern selbst das Wort ergreifen. Auch Ranine Chaar tritt bei dem Konzert auf. Rap, Breakdance und arabische Evergreens von Fairouz und Oum Kulthoum bilden das Programm.Nach einem ruhigen Sonntagmorgen haben wir uns am Nachmittag zum Kaffee mit dem Komponisten Elia Koussa getroffen. Natürlich gab es dazu libanesische Süßigkeiten - Abdul Rahman Hallan and Sons in Tripoli ist der bekannteste Hersteller der kleinen Köstlichkeiten. Knefeh, Znout el sett, Maamoul und vieles mehr findet man dort. Der Abend war ruhig - leider hat einer der vielen Musiker mit denen wir uns treffen wollten kurzfristig abgesagt... Auch das gehört zu unserer Libanonreise dazu. Heute geht es zurück nach Beirut und in das Musikarchiv von Mustafa Said. 

 

An unserem letzten Tag im Libanon ging die Reise von Tripoli im Norden wieder zurück nach Beirut. Unterwegs haben wir einen Zwischenstopp bei der Arab Music Archiving and Research Foundation (AMAR) gemacht. Etwas außerhalb Beiruts in den Bergen gelegen, arbeiten Mustafa Said - den wir schon bei einer Probe mit seinem Asil Ensemble erleben durften - und seine Kollegen seit 2010 an der Archivierung klassischer arabischer Musik. Sie digitalisieren alte Schellack- und Tonbandaufnahmen (zumeist deutscher) Tonfirmen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts tausende Aufnahmen von Sängern, Ensembles und Instrumentalisten im arabischen Raum anfertigten und so einen neuen Absatzmarkt erschlossen. Damit leistet AMAR einen wichtigen Beitrag zur systematischen Erforschung der arabischen Musik. Hier gibt es mehr Informationen: http://www.amar-foundation.org

 

 Im Anschluss beantwortet Mustafa uns Fragen: Er ist ein guter Kenner des komplizierten arabischen Musiksystems und ein echter Virtuose auf der Aoud. Am Abend trafen wir dann in unserem Hotel den Qanun-Spieler Ghassan Sahhab. Auch er ist Musikwissenschaftler und beschäftigt sich mit der Geschichte seines Instrumentes, die in weiten Teilen im Dunklen liegt. Johannes Stange, Joss Turnbull, Ziad Nehme und er haben dann zusammen improvisiert: Jeder der Künstler hat seine eigene musikalische Sprache mitgebracht - Reibungen und Verbindungen entstehen so. Tamáss eben.      

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